Tonya Sneed:
"Das erste Mal habe ich Jimmy im Januar 2000 geschrieben. Ich warf den Brief weg. Ich hatte Angst davor, involviert zu sein. Ich wusste nicht, ob ich den Informationen über Jimmys Fall aus dem Internet vertrauen konnte. Auch war ich, obwohl ich standhaft gegen die Todesstrafe war, doch stark beeinflusst von den gewöhnlichen Empfindungen in den USA über die Leute im Todestrakt:
Was, wenn er ein kalter, gefühlsloser Mörder war? Was, wenn ich ihm helfe, weg vom Todestrakt zu kommen und er mich eines Tages verfolgt? Diese Gedanken erscheinen mir jetzt lächerlich, aber zu dieser Zeit waren sie sehr real. Wir sind darin trainiert worden, Todesstrafenhäftlinge für Monster zu halten, für Leute zu halten, die nicht völlig menschlich sind, sie für einen Haufen verdorbender Serienmörder zu halten. Aber wenn man den Todestrakt besucht sind alle, die man sieht, Menschen- einige schuldig, einige unschuldig, aber alle sind menschliche Wesen.
Es dauerte bis August 2000, bis ich meinen ersten Brief an Jimmy abgeschickt habe. Zu dieser Zeit hatte ich keine Ahnung wo mich dieser Brief hinführen würde, die Reise die ich dabei war, anzutreten. Es dauerte nicht allzu lange, dass ich anfing, Jimmys Fall ernsthaft zu recherchieren. Ich fing an, Dokumente zu sammeln, tausende Seiten von Dokumenten: Das Berufungsschreiben, die Prozessunterlagen, zahlreiche Polizeiaussagen von Zeugen. Ich bin 2001 das erste Mal zum Gerichtsgebäude in Philadelphia gereist. Ich musste für mich selbst wissen, dass Jimmy unschuldig war. Ich konnte dies nicht in der Welt proklamieren, bis ich nicht die nötige Recherche unternommen hatte. Ich würde es hassen an all die Stunden zurückzudenken, die ich damit verbracht habe, in die Dokumente einzutauchen – für einige Monate war ich beinahe besessen davon. Ich fand heraus, dass die Beweise, die Jimmys Unschuld belegen, so überzeugend waren, dass man sich fragen musste, wie es sein konnte, dass es überhaupt einen Prozess geben konnte – nicht zu erwähnen wie Jimmy in der Todeszelle landen konnte. Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich kann es immer noch nicht glauben, wie eine Person in Amerika ein Todesurteil bekommen kann mit einem lächerlich schwachen Fall wie diesem. Aber dies ist in einer alamierenden Rate geschehen: Wie haben heute über 120 Leute die vom Todestrakt entlassen worden sind.
Ich habe Jimmy mehrere Male besucht, habe unzählbar viele Briefe mit ihm ausgetauscht. Er ist alles andere als das Monster, vor dem ich einst Angst hatte. Jimmy liebt seine Familie zutiefst, und macht sich ständig Sorgen um sie. Seine Hoffnung, eines Tages die Freiheit zu erhalten ist direkt mit seiner Leidenschaft an seine Familienmitglieder gebunden – er sehnt sich danach, mit ihnen zu sein, sein Wunsch, einen Anteil an ihren alltäglichen Leben zu haben. Jimmy ist eine warmherziger Mensch, der immer aufrichtiges Interesse an seinen Freunden zeigt, sie fragt, wie es ihnen geht, sich an Details aus ihren Leben erinnert. Jimmy kann einen starken Willen haben und kann auf seinem Standpunkt beharren, und manchmal denke ich, ich mag seine Charaktereigenschaften am meisten wegen meinem eigenen entschlossenen Charakterzug. Es ist diese Art von Stärke, die ihm geholfen hat, etwas Verstand und Würde inmitten dieses irreführenden Wahnsinns zu erhalten, inmitten einer brutalen Welt, die ihn in eine Zelle stecken würde mit einem Todesurteil, das all die Jahre über ihm hängt, trotz seiner offensichtlichen Unschuld.
Ich habe Jimmy einmal gefragt, wie er es geschafft hat, damit fertig zu werden. Er erzählte Jim (meinem Mann) und mir, dass, als er in Philadelphia im örtlichen Gefängnis war und auf das Urteil wartete nachdem er verurteilt worden war, er viele Dinge in Betracht zog, u.A. „Unschuldig“ in Blut auf die Wand in der Gefängniszelle zu schreiben und sich selbst zu töten. Ein Wächter, der offenbar bemerkte, wie verzweifelt Jimmy war und der vielleicht auch eine Ahnung von Jimmys vollkommener Unschuld hatte, nahm Jimmy an die Seite und sagte ihm: „ Weißt du, in diesem Leben wird uns alle eine Hand voll Karten gegeben, und wir müssen die Hand spielen, die uns ausgeteilt wurde.“ Ich nehme nicht an, dass diese Worte Jimmy viel Trost gaben, aber sie gaben ihm den notwendien Rahmen durch den er anfing, Entscheidungen zu treffen über seine Antwort auf diese Tragödie.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein muss, angeklagt, veurteilt und die Todesstrafe zu erhalten für eine Tat, die man nicht begangen hat. Ich kann es nicht ergründen. Ich mag es nichteinmal, wenn jemand denkt ich hätte etwas gesagt, was ich nicht gesagt habe, also wie wäre es wenn die Leute denken würden ich habe jemanden getötet, den ich gar nicht getötet habe? Ich wäre verzweifelt. So sensibel wie Jimmy sein kann, ich weiß dass es ihn so verletzt hat wie es mich verletzen würde.
Es muss außerdem so entmutigend gewesen sein, dass ihm seine musikalischen Träume gestohlen worden sind. Jmmy und seine Gruppe, Sensation, hatten ein unglaubliches Potential, und zu der Zeit von Jimmys Prozess, wollte er gerade einen Plattenvertrag unterschreiben. Es ist traurig, dass Jimmy heute nicht singt. Bis heute hat er sich geweigert im Todestrakt zu singen. Ich habe nur über seine melodische Stimme gelesen; ich hatte noch nie die Möglichkeit, sie selbst zu hören. Aber ich träume von dem Tag, an dem Jimmy frei kommt, von dem Tag an dem er etwas haben wird, über das er singen kann. Bestimmt kann die Freiheit nicht allzu weit von ihm weg sein, bestimmt werden die Bewohner der Welt nicht erlauben, dass die amerikanische Regierung sein Leben nehmen wird. Bestimmt ist Gerechtigkeit nicht weit, und Jimmy wird bald singen. Ich kann es nicht abwarten."
- Tonya Sneed; Peoria Illinois, USA

Sarah and Tonya besuchen Jimmy